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Die Industriestaaten, in denen wir leben
Mit der Zeit ist mir erst richtig bewusst geworden, wie viel Macht die Werbung mit der dahinter stehenden Industrie wirklich hat. Die Manipulationen sind so unscheinbar und wir so leicht zu konditionieren (wie es auch im positiven mit der windelfreien Erziehung funktioniert), dass es für die heutigen Medien ein Leichtes ist, ihr Puplikum um den Finger zu wickeln. Nachdem ich nun schon viele Jahre Windelfreiheit mit meinen Kindern praktiziere, kann ich gar nicht mehr verstehen, wie es der Windelindustrie möglich ist, uns so zu manipulieren, dass wir das Natürlichste vergessen


Es erscheint uns
sogar kurios,
wenn wir das erste Mal
davon hören,
dass es auch ohne Windeln geht



.Uns wird weiss gemacht, dass es eine Erleichterung sei, das Kind in Windeln zu stecken und wir ihm, tun wir dieses nicht, ständig hinterherwischen müssen, wenn wir es ohne Windeln herumlaufen lassen. Immer mit der Papierrolle unter dem Arm herumzulaufen wäre natürlich auch eine Möglichkeit, die ich allerdings nicht bevorzuge. Das muss jedoch nicht so sein, sofern wir mit dem Kind über seine Ausscheidungen kommunizieren. Stellen wir uns einfach mal die Frage, wer tatsächlich davon profitiert, wenn Kinder lange und permanent gewickelt werden. Das Kind mit einer Windeldermatitis sicher nicht. Ich mache zum großen Teil unsere windelfreie Erziehung dafür verantwortlich, dass unser Sohn kein einziges Mal einen wunden Po hatte. Auch unsere Tochter, die von Geburt an eher eine empfindliche Haut hat und öfter mal eine rauhe Hautstelle hauptsächlich an den Beinen bekommt, neigt glücklicherweise nicht dazu im Windelbereich wund zu werden.
 
Als ich nach der Geburt meines ersten Kindes aus dem Krankenhaus entlassen wurde, drückte man mir noch eine riesige Tüte in die Hand. Sie war vollgestopft mit allen möglichen Produkten, die mein Baby und ich auf jeden Fall benötigen würden. Oh, ich staunte nicht schlecht, darüber und erkannte was für eine große Zielgruppe Mütter und Väter für die Industrie darstellten. Als erstes entsorgte ich die Schnuller. Es waren gleich zwei, einer für die ersten drei Monate und einer für danach. Einen Schnuller brauchte und mochte mein Sohn übrigens nie. Als mein Mann am Tag nach der Geburt vom Einkauf nach Hause kam, fühlte auch er sich in eine völlig neue Welt des Konsums geworfen. Als frischer Vater vor den schier endlosen Regalen dringend benötiger Babyprodukte zu stehen die ihm vorher überhaupt nicht aufgefallen waren, hat ihn schon etwas nervös gemacht. Wir beschlossen, uns gut zu überlegen, was wir wirklich brauchen. Auch unsere Tochter kennt keinen Schnuller und wird ihn wohl erst kennenlernen wenn sie andere Kinder mit Schnuller sieht.

Auf der Geburtstagsfeier zum ersten Geburtstag unseres Sohnes mussten mein Mann und ich herzlich darüber lachen und den Kopf schütteln wie verdreht doch unsere Welt ist. Als ich mit einer lieben Freundin über das Thema Stillen sprach und ihr erzählte, dass mein Sohn auch gerne noch an der Brust einschläft, war ihr Kommentar, dass das wohl eine Art Schnullerersatz wäre. Ich glaubte im ersten Moment, ich hätte mich verhört. Ein was? Wer hat denn dieses Wort kreiert? Wer ersetzt denn hier wen, war meine Reaktion. Nach einem netten, anregenden Gespräch kammen wir zu dem Fazit: „Ja, so gut sind wir konditioniert.“ Noch mitten im Gespräch vertieft kam ein gestresster Vater eines fünfzehn Monate alten Kindes, auf mich zu. Er fragte, ob er etwas zum sauber machen und eine neue Windel haben könne. Die Begeisterung über die Aufgabe, die ihm bevorstand, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Da ging wohl was in die Hose. Ach ja, ich konnte ihm allerdings nur eine Wollwindel anbieten, was ihn wahrscheinlich nur noch mehr Stress bereitete. Ehrlich gesagt konnte unsere Runde sich das Grinsen nicht verkneifen.

Wenn wir unser Kind abhalten, ist das vorwiegend stressfrei und oft auch ein Vergnügen. Wie schon erwähnt hatten unsere kleinen bisher noch nie einen wunden Po gehabt und den sollen sie auch nicht bekommen. Es gibt bei uns sogar eine Krankheit, die in nicht industriealisierten Ländern und Kulturen unbekannt ist. Die Windeldermatitis. Sie ist mittlerweile eine der häufigsten Kinderkrankheiten geworden und ist als Zivilisationskrankheit weit verbreitet.
 
 
Etwa zwei drittel unserer Kinder
hat während ihrer Windelzeit
mindestens einmal
eine Windeldermatitis.
 

Eine windelfreie Erziehung beugt den Ursachen vor, denn verantwortlich ist zu allererst der Wärmestau, der durch die moderne Windel erzeugt wird. Wenn mit Stoff gewickelt wird ist es natürlich auch sinnvoll, keine Plastikhose über die Windel zu ziehen. Beim Waschen der Windeln sollte ein Sensitives am besten Biologisch abbaubares Waschmittel verwendet werden und auf Weichspüler darf verzichtet werden, da diese Duftstoffe enthalten, auf die das Kind reagieren kann. Für mich ist es auch wichtig, dass das Kind den Eigengeruch der Mutter wahrnehmen kann und umgekehrt.
 
Einmal kam mein Mann entsetzt aus der Krabbelgruppe nach Hause. Eine der Frauen, eine noch recht junge Frau, wickelte ihre kleine Tochter und als sie ihr die volle Windel öffnete, sah mein Mann, dass die Kleine von den Schamlippen über die Innenseite und den oberen Teil des Oberschenkels bis hinauf zum Steißbein knallrot und wund war. Beim Saubermachen schrie das Mädchen wie am Spieß. Da er so was von unserem Sohn nicht kannte, sprach er die Frau darauf an, und empfahl ihr, doch mal die Windel weg zu lassen. Sie hörte auch recht interessiert zu, doch das Konzept von dem mein Mann sprach, passte leider so gar nicht in ihre Konditionierung und ihr war der neue Teppich wichtiger. Mein Mann musste sich sehr zusammennehmen und einmal ganz tief Luft holen, um nicht wütend zu reagieren, obwohl er es war. Nicht auf die junge Frau persönlich, sondern auf die einseitige Bildung durch einseitige Informationen. Manchmal fällt es wirklich schwer, in solchen Momenten die Ruhe zu bewahren und die freie Wahl eines Jeden zu Akzeptieren. Missionieren wollen wir schließlich auch nicht, sondern einfach Alternativen vorschlagen. Traurig machte es uns aber dennoch, denn auch ich hatte die Frau mehr als zwei Monate davor schon einmal auf den wunden Po ihrer Tochter angesprochen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass frische Luft das Beste für den wunden Po ihrer Tochter wäre, wie bei einer Schürfwunde, die ja auch am besten an der frischen Luft verheilt und das Pflaster nur solange sinnvoll ist, bis die Wunde aufgehört hat zu bluten oder zu nässen.


Meistens ist die Ursache
für den Ausschlag,
dass nicht sofort
eine neue Windel angezogen wird,
wenn die Alte nass ist.



Viele Babys haben eine sehr empfindliche Haut und reagieren sofort darauf. Deshalb ist es auch für Eltern, die ihr Kind windeln sinnvoll, auf die Versuche ihres Babys, mit ihnen zu kommunizieren, zu achten. Als Behandlung der Windeldermatitis wird oft empfohlen, das Baby öfter als gewohnt zu wickeln. Damit vermeidet man zwar, dass das Baby längere Zeit in einer nassen oder verschmutzten Windel liegt, mein Rat wäre allerdings die Windel einfach mal aus zu lassen und das Kind zu beobachten. Wer das tut, bekommt vielleicht zum ersten Mal mit, dass Kinder sehr wohl ihre Ausscheidungen kontrollieren können. Die Frage, was mir wichtiger ist, der Po unseres Kindes oder der Teppich aus reiner Schurwolle, stellt sich mir nicht. Ich habe auch schon ein sehr flüssiges Häufchen von einem Läufer entfernt, als unser Sohn ein wenig Durchfall hatte. Ich fand das nicht schlimm und würde es jeder Zeit wieder tun. Es dauert wenn es gleich bemerkt wird nicht lange und lässt sich gut entfernen. Da kenne ich viel mehr Eltern, die beim Wickeln bemerken das die Windel nicht dicht ist und sich einiges schön an den Seiten rausgedrückt hat. Falls die Gelbfärbung beim Waschen nicht richtig entfernt wurde, hilft es die Sachen in die Sonne ins Gras zu legen.

Bei einem unserer Besuche beim Kinderarzt, es war die U6, die nach einem Jahr erfolgt, wollte unser Sohn während der Untersuchung Pippi machen. Er machte sich bemerkbar und wir fragten den Arzt, ob er mal über dem Waschbecken abgehalten werden darf. Unser Kinderarzt sah uns etwas erstaunt an und meinte dann, dass das gehen würde, sofern es denn funktioniert und bot uns an ein Tuch zu holen. Wir sagten ihm, dass das wiederum nicht nötig war, hielten ihn über das Waschbecken, machten den Schlüssellaut und wenige Sekunden später entspannte sich unser Sohn, und erleichterte sich. Die ersten Worte unseres perplexen Arztes waren, „Das ging ja nun wirklich auf Kommando!“ und er war tatsächlich sichtlich verwirrt, denn er stellte gar keine Fragen mehr zur Entwicklung und zur Ernährung und all die Fragen, die normalerweise sonst gestellt werden. Hatte er uns nicht noch vor fast einem Jahr erklären wollen, dass das Kind am Anfang den Schließmuskel noch nicht behersche. Bei unserer Tochter wusste er dann schon bescheid und bietet uns beim Arztbesuch sein Waschbecken zum abhalten an. Uns aber fiel auf, das die Sprechstundenhilfe uns immer noch aufforderte die kleine bis auf die Pampers auszuziehen.

Trotz dem wahnsinnigen Überangebot an Babyprodukten, angefangen von Pflegeprodukten über spezielle Babynahrung bis hin zum Spielzeugangebot, bin ich der Meinung, dass weniger mehr ist. Unsere Kinder baden ein bis zwei Mal in der Woche. Ich nehme nur klares Wasser und ab und zu ein ein bis zwei Eßlöffel Olivenöl. Nach dem Baden wird nur bei Bedarf mit einem planzlichen Öl ohne Zusatzstoffe und Parfüm eingeölt, besser aber gar nicht denn unser Körper ist schauer, als wir im allgemeinen denken. Man kann auch sagen: „Unser Körper hat ein Bewusstsein.“


Unsere Haut ist
in der Lage,
sich wenn man sie
nicht so oft
mit Mittelchen
von außen behandelt,
selbst mit allem
was sie braucht
zu versorgen.


Man braucht kein Babyshampoo oder Badezusatz. Die Haut unseres Sohnes ist zart und rein, er hat weder fettiges Haar noch riecht er unangenehm. Im Gegenteil. Bei unserer Tochter, die durch die Muttermilch immer noch diesen typischen Babygeruch hat ist es genauso.

Auch bei der Ernährung müssen wir nicht extra auf Babyprodukte zurückgreifen. Als unser Sohn mit acht Monaten bei den Mahlzeiten mitmachen wollte, wobei er natürlich noch gestillt wurde, gab es erst Obst und Gemüse aus dem Bioladen als Brei aber er wollte bald lieber  genauso essen wie wir und wir wechselten zu dem so genannten „Fingerfood“, also Speisen, die mit den Fingern gegessen werden können. In unserem Fall wird das Obst und Gemüse in handliche, längliche Stücke geschnitten und teilweise auch leicht gegart. Im ersten Jahr ist es gut, darauf zu achten, dass Babys keinen Zucker bekommen, da Muttermilch ohnehin schon süß ist, kein Salz, keinen Honig und nur wenig Gewürze. Mit vierzehn Monaten aß unser Sohn das, was wir auch essen. Zucker bekam er sehr selten. Das lässt sich auch nicht völlig vermeiden, denn Omas und Opas meinen es ja nur gut. Zu Hause bekam unser Sohn anstelle von Bonbons ungeschwefeltes Dörrobst doch mittlerweile haben sich auch hier eine Bande Gummibärchen eingenistet. Unsere Tochter hat mit ungefähr acht Monaten auch schon Bekanntschaft mit Lebkuchen gemacht, die sie vom Weihnachstbaum stibitzt hatte. Ansonsten ernähren wir uns gesund, bekommen jede Woche eine Biogemüsekiste ins Haus geliefert und ich ernähre mich vegetarisch. Ich hatte trotz vegetarischer Ernährung noch nie Eisenmangel. Auch nicht während ich mit unserem Sohn schwanger war. Unser Sohn, mittlerweile fünf Jahre und ißt auch kein Fleisch. Er verlangt auch nicht danach, wenn er den Papa Fleisch essen sieht. Als er ungefähr ein Jahr alt war, ist mir oft empfohlen worden, doch jetzt langsam mal Fleisch zuzufüttern, sonst würde das Kind ja Eisenmangel bekommen.


Das Eisen
aus der Muttermilch
wird zu fünfzig Prozent verwertet.
Handelsübliche Milch
von der Kuh
wird von uns
zu zehn Prozent verwertet.


Oft werden Kinder in unserer Gesellschaft mit Spielsachen nur so überhäuft. Das ist meistens gar nicht nötig. In Kinderzimmern, die voll gestopft sind mit Spielzeug, weiß ein Kind ja gar nicht womit es sich zuerst beschäftigen soll. Da ist es auch kein Wunder, wenn Kinder nicht bei einer Sache bleiben können. Es ist doch viel sinnvoller eine Bindung zum Kind aufzubauen, als es mit Produkten zu überschwemmen. Da viele dieser gut gemeinten Geschenke von den Großeltern kommen, ist es angebracht, im Vorfeld mit ihnen über Sinn und Unsinn von Spielzeug zu reden. Natürlich gibt es auch wundervolles Spielzeug. Unser Sohn hat natürlich auch eine wechselnde Auswahl an Spielsachen in seiner Spielecke. Je weniger da rumliegt um so mehr beschäftigt er sich mit den Sachen. Es kommt eben auf die Menge an. Dennoch beobachte ich, dass er am liebsten mit Gegenständen spielt, die wir alltäglich benutzen. Das Kind will uns nachahmen, denn dadurch lernt es, die Welt zu verstehen. Es sieht die Erwachsenen aber eher selten mit seinem Spiezeug hantieren sondern an Tastaturen, dem Telefon, oder mit einer Zeitung. Alles Spielzeug, außer Musikinstrumente, die wir ja auch spielen, werden schnell uninteressant.


Die Nähe der Eltern
und soziale Kontakte
zu anderen Kindern
und Erwachsenen
können so manches
Spielzeug ersetzen.



Auch hier lautet mein Motto, weniger ist mehr und oft geht es auch ohne, genau wie bei den Windeln. Eine windelfreie Erziehung ist auch für die Umwelt förderlich. Wenn Besuch von Müttern mit Babys hatte, muss ich danach fast immer meinen Restmülleimer leeren. Allein schon deshalb liegt für mich klar auf der Hand, dass Papierwindeln eine Umweltbelastung sind, die nicht sein müsste. Auch das Waschen von Stoffwindeln verbraucht Energie und Wasser.

Mit einer windelfreien Erziehung handeln wir nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch verantwortungsvoll. Auch wenn teilweise Windeln benutzt werden, ist die Ersparnis von Geld und Resourcen enorm. Ein Kind verbraucht bei der herkömmlichen Sauberkeitserziehung im Schnitt ein bis zwei Tonnen Windeln, bis es trocken ist. Können sie sich vorstellen, dass es gewisse Marketingstrategien gibt, die darauf ausgelegt sind, Kinder möglichst lange in Windeln zu stecken oder so schnell wie möglich abzustillen. Würden alle Mütter stillen und alle Eltern ihre Kinder windelfrei erziehen, bräche ein imens großer Industriezweig zusammen, denn mit diesen Methoden lässt sich kein Geld verdienen. Selbst wenn nur die Hälfte aller Eltern ihre Kinder ohne Windeln erziehen würden, hätte die Windelindustrie enorme Einbußen. Das ist mit ein Grund warum sich diese alte Praxis nicht so schnell verbreitet.
 
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