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Die Natur macht es vor
Doch nicht nur Tiere sondern auch der größte Teil der Menschheit praktiziert Windelfreiheit. Begeben wir uns auf eine kleine Reise in die Vergangenheit und zu den Naturvölkern unseres blauen Planeten. Hausgeburten waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts bei uns und in allen Teilen der Welt die Regel. Erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in vielen Ländern eine Hausgeburt als unvernünftig erklärt. Zum Glück ändert sich diese Einstellung gerade wieder. Damals verbrachten Kinder die Nächte bei ihren Müttern im Bett  wie auch heute noch in anderen Kulturkreisen und wurden nicht gleich von ihnen getrennt, wie es in den fünfziger Jahren populär wurde und bis heute noch teilweise bei uns üblich ist. Flaschennahrung war unbekannt und der Kinderwagen musste auch erst noch erfunden werden. Unsere Urgroßeltern und vielleicht auch noch unsere Großeltern kannten eine windelfreie Erziehung.

Ich selbst bin die ersten drei Jahre hauptsächlich von meinen Großeltern erzogen worden, und wurde von meiner Oma mit einem halben Jahr auf das Töpfchen gesetzt. Das funktionierte wunderbar, bis ich wegen einer Krankheit für einige Tage im Krankenhaus bleiben musste. Natürlich wickelten mich die Krankenschwestern in der Zeit in Windeln. Es ist interessant, wie schnell man sich an Situationen gewöhnt. Da in der Klinikroutine kaum Zeit für den Einzelnen herrscht, wurden die Windeln nicht nach Bedürfnis sondern nach Zeitplan gewechselt und als ich wieder zu Hause war, ging ich wohl davon aus, dass sowieso nicht reagiert wird und machte wieder in die Hose. Doch nach kurzer Zeit bekam meine Oma die Sache erneut in den Griff und ich rannte wieder als Nackedei durch die Gegend.

Bei naturverbundenen Völkern
ist es ganz normal,
im Familienbett zu schlafen,
lange zu stillen,
Kinder am Körper zu tragen
und umgehend auf sie zu reagieren,
wenn die kleinen
weinen oder einanderes
Bedürfnis haben.


Aussagen wie, ein Kind kann man ruhig mal schreien lassen, das kräftigt die Stimme, würde bei den Naturvölkern nur ungläubiges Erstaunen, zumindest ein Kopfschütteln hervorrufen. Diese Kulturen praktizieren seit jeher eine natürliche Säuglingspflege, zu der auch die Windelfreiheit gehört. Von Anfang an wird das Baby, als aktives Mitglied, in die Familie integriert. Im Gegensatz dazu, betrachten wir „modernen“ Menschen, ihr Kind in den ersten Monaten eher als passiv, mit einer Ausnahme. Es schreit. Doch so hilflos und passiv sind Säuglinge nicht. Man muss sich nur auf sie einlassen und ihre Art der Kommunikation lernen, was wiederum gar nicht so schwer ist und sogar Spass macht. Millionen Frauen weltweit praktizieren eine windelfreie Erziehung und würden sich über die Methode ein Kind zu wickeln doch sehr wundern, ja es überhaupt nicht verstehen. Mütter in anderen Kulturen spüren instinktiv welches Bedürfnis ihr Kind hat und reagieren darauf. Erst wenn auf körperliche ​Signale nicht reagiert wird, versuchen Säuglinge verbal auf sich aufmerksam zu machen.


Das Schreien eines Babys
ist das letzte Mittel,
um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Ausnahmen sind
das Kind hat große Schmerzen
oder bekommt
keine Luft zum Atmen.



Mütter, die traditionell Windelfreiheit praktizieren arbeiten schon mit den Neugeborenen, indem sie die Kleinen immer in einer Übungsposition abhalten. Dies geschieht mit sehr viel Feingefühl. Die Signale des Kindes werden genau beobachtet. So entsteht eine Wechselbeziehung, die ich Symbiose nenne. Bei dieser Art von Kommunikation zwischen Mutter und Kind dauert es nicht lange, bis das Kind weiß, was diese spezielle Position zu bedeuten hat. Das Kind lernt auch, dass auf es reagiert wird, wenn es etwas signalisiert. Am Anfang wird auch mit verschiedenen Schlüssellauten gearbeitet. Schlüssellaute sind Laute oder andere Geräusche, wie zum Beispiel der laufende Wasserhahn, der sich wie wir alle kennen das Wasserlassen erleichtert. Das Kind wird auf die Laute konditioniert, bei denen es Pipi oder auch das große Geschäft machen soll. Es lernt so sehr schnell was von ihm erwartet wird und kann darauf reagieren. Die Mütter wissen, wann ihr Kind muss und wenn dies nicht der Fall ist, wird es das Kind zu verstehen geben.

Bei Naturvölkern bleiben die Kinder oft nach einem halben Jahr während des Tages trocken. Auch Nachts bleiben sie trocken oder wachen auf wenn sie doch mal müssen. Mein Sohn war mit einem halben Jahr  Nachts trocken. Ich war ehrlich erstaunt, wie schnell das ging. Morgens haben wir ihn als erstes aufs Töpfchen gesetzt. Das wurde schnell zu einem Ritual und hat auch meinem Sohn sichtlich Spaß gemacht. Auch meine Tochter ist, seit sie ein halbes Jahr alt ist, Nachts zumeist trocken. Jeden Morgen wird sie auf das Töpfchen gesetzt und es lohnt sich immer. Das könnt ihr mir glauben!


Da der westliche Kommerz mittlerweile auch bei vielen dieser Naturvölkern Einzug gehalten hat, nimmt leider auch dort die Praxis zu, Kinder in Windeln zu stecken oder mit industriell hergestellter Fertignahrung zu versorgen. Da klingt es fast schon sarkastisch wenn ich sage, dass die Kinder aus den ärmeren Schichten wenigstens in dieser Hinsicht Glück haben, da sich die Eltern die teuren Windeln und Muttermilchersatznahrung nicht leisten können. Für die Kleinsten unter uns ist es ein wahres Glück, bedingungslos Liebe, Geborgenheit und vor allem Aufmerksamkeit zu erfahren. Nur durch unsere Aufmerksamkeit kann es mit uns kommunizieren. Hoffen wir, dass die Papierwindel in den sogenannten dritte Welt Ländern nicht zum Statussymbol erhoben wird.


Zu keinem Zeitpunkt
in der Geschichte
wurden Kinder so spät trocken,
wie heute in unserer neuen
von Kapitalismus
und wissenschaftlichem Denken
geprägten Welt.



Jeden Tag werden neue Produkte auf den Markt geworfen, die uns das Leben erleichtern sollen, doch die riesige Auswahl macht unser Leben nicht selten noch komplizierter, als er ohnehin schon ist. In westlichen Gesellschaftssystemen wird angenommen, dass ein Kind erst zur Sauberkeit bereit werden muss und dies erst sein wird, wenn es schon sprechen kann. Das ist ein Irrtum, denn dabei wird vergessen, dass es außer der Sprache noch andere Formen der Kommunikation gibt wie die Sprache durch Zeichen und Gebärden. Achtet bei Babys mal auf die Mimik und Körpersprache und ihr werdet feststellen, dass Babys sich sehr wohl mitteilen und kontrollieren können. Wir Erwachsene sind es, die meistens erst dann verstehen welche Bedürfnisse ein Kind hat, wenn es sie verbal äußert. Wir Erwachsene sind es auch, die etwas an unserer Wahrnehmung und unseren Konditionierungen ändern können, wenn wir das wollen.
 
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